Selbstliebe als achtsame, wertungsfreie, wohlwollende und fürsorgliche Haltung mir selbst gegenüber

Bild ©Barbara Weinzierl, München
Selbstliebe ist die Bereitschaft, alles Erkannte und Erfahrene an mir und in mir erst einmal anzunehmen, wie es jetzt ist! Unabhängig von der Wertung meines Verstandes, ob ich es mag oder nicht, ob es angenehm ist oder nicht! Genau das meint Selbstannahme, Selbstakzeptanz, Selbstmitgefühl oder Selbstfürsorge, vier Qualitäten, die Selbstliebe gut umschreiben.
Selbstliebe ist – wie im ersten Artikel bereits angerissen – eine aktive, bewusste Entscheidung und eine sich ständig durch Übung weiterentwickelnde erkenntnisbasierte, freundlich-fürsorgliche wie heilsame Geisteshaltung, die letztlich auch andere Wesen mit einschließt. Somit ist Selbstfürsorge kein passives Abwarten, ob sie schicksalhaft, irgendwie und zufällig von allein entstehen mag oder gar von draußen an mich herangetragen wird.
Klar sehen, was ich an mir nicht mag …und annehmen
Unheilsame Geisteszustände – Achtsamkeit und Selbstmitgefühl untergrabend – sind beispielsweise nicht-mitfühlender („kalter“, hartherziger, dogmatischer, abwertender) Intellektualismus und Rationalismus, Kritiksucht und Rechthaberei, (zwanghafter) Perfektionismus, Ichsucht und Hochmut, Eifersucht, Gier und Habsucht, Ärger, Zorn und Hass, Pessimismus, Selbstmitleid und Niedergeschlagenheit, Unwissenheit (Verblendung) bzw. illusionäres Wissen und Verwirrung, Frustration, Verbitterung oder Ängste usw.
Ohne dieses Erkennen und Annehmen gerate ich in einen schier unlösbaren Konflikt mit analytischen Grübeleien, Ablehnung, Widerstand und Kampf mit mir selbst und meinem „inneren Kritiker, Zensor, Richter und Peiniger“. Dieser ist in meinem Geist mein „negatives Spiegelbild“, das es zu besänftigen und schrittweise durch den Gegenpol des achtsamen Mitgefühls abzuschwächen gilt! Das letzte, was dabei geschehen sollte, ist in sich selbst ein weiteres „Schlachtfeld“ zu eröffnen.
Projektion ist keine Erlösung
Und auch die – meist unbewusste, unerkannte – Projektion meiner unheilsamen Geisteszustände in die Welt hinaus, auf die Gesellschaft, auf andere Menschen oder Objekte ist keine echte (Er-)Lösung. Es ist ein Kompensations- und Fluchtversuch vor dem inneren Schmerz und Leid, was vielleicht vorübergehend erleichtert, auf Dauer jedoch weiteres Leid nach sich zieht. So eröffne ich einen Kreislauf aus Angst, Schuld, Anspannung, Flucht, Entfremdung oder Angriff mit Gegenangriff bzw. Verteidigung. Entspannung, Achtsamkeit, gelöstes bei mir und mit mir Sein in innerem Glück und Freude, innerem Frieden und Gelassenheit rücken da in immer weitere Ferne!
Hindernisse der Selbstliebe erkennen!
Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich keine Liebe verdiene, dann werde ich auch keine neuen Denk-Möglichkeiten und Denk-Räume in Achtsamkeit erschaffen, in denen Liebe entstehen und sich ausdehnen kann. Ich werde weiter selbstabwertende Gedanken, Gespräche und Handlungen erzeugen sowie daraus folgend im Außen Menschen anziehen, die mich missachten und von denen ich mich missachten lasse (→ Ähnlichkeitsprinzip / Resonanzgesetz!). So nähre ich den Teufelskreis der Selbstsabotage immer weiter. Dieser untermauert dann wiederum meine Überzeugung, dass ich keine Liebe, Achtung, Respekt und Wertschätzung verdiene.
Eine selbstförderliche innere Haltung erlernen braucht: Zeit-Raum!
Es bedarf eines anhaltenden Aufmerksamkeitsprozesses in regelmäßiger, teils jahrelanger Übung, wie beim Erlernen einer Fremdsprache. Es gilt: Ein neues Denksystem zu erlernen! Einen Schritt nach dem anderen, innehalten, atmen, erkennen, annehmen, das Problem freundlich erforschen, auch das Scheitern erkennen und annehmen, weiterüben, dranbleiben, Erfolge wertschätzen und dankbar dafür sein, erneutes Scheitern akzeptieren, hinfallen, wieder aufstehen und weitermachen… ehrlich, wach, achtsam, sanftmütig, mitfühlend und geduldig!
Der Weg zu (mehr) Selbstliebe ist individuell
Den einen, für jeden passenden Weg zu Selbstakzeptanz, in Frieden mit sich sein, Glück und Gelassenheit gibt es nicht!
Experimentiere mit verschiedenen Maßnahmen und mache dann ein Mehr von denjenigen Maßnahmen, die sich mittel- bis langfristig als wohlwollend zu erkennen geben und die sich insgesamt förderlich anfühlen. Ein Baum wächst ja auch nicht von heute auf morgen zu voller Größe. Er benötigt für gesundes Wachstum günstige Wachstumsbedingungen wie ausreichend gute Erde, Wasser, Luft, Licht und ganz wichtig: Raum & Zeit! Ein Baum mit unterentwickeltem Wurzelwerk (Fundament: symbolisch für Mangel an Achtsamkeit und Mitgefühl mit mir) und wenig Standhaftigkeit (Stammbildung: Mangel an Geduld, Beharrlichkeit und Focus) fällt bei stärkerem Wind oder Sturm (Herausforderungen des Lebens) schneller um.
Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstwert
Erst mit einer weitgehenden Stabilisierung dieses Fundamentes können sich die weiteren „Wachstums-Zutaten“ des Selbstwertgefühls wie eigenverantwortliches, selbstbestimmtes und zielgerichtetes Handeln sowie Authentizität (Echtheit, Glaubwürdigkeit) und Integrität entfalten. Integrität bedeutet soviel wie Rechtschaffenheit: Denken, Reden und Handeln entsprechen meinen inneren Bedürfnissen und Werten meines Welt- und Glaubensbildes.
Erst eine gute Dosis Wachheit und Selbstliebe, dann schrittweise eigenverantwortliche Selbstbestimmung!
Zuerst sollte ein ermutigender Raum für urteilsfreie Achtsamkeit geschaffen, die Selbstablehnung klar erkannt und das Mitgefühl damit bestärkt sein. Das wäre sonst so, als würde ich den Karren vor den Esel spannen und mich wundern, wieso nichts weitergeht.
Hier funktionieren oftmals keine reinen Verhaltenstherapien, kein Coaching oder Motivationstraining und auch keine positiven Affirmationen langfristig. Denn dies alles setzt ein bereits vorhandenes Minimum an Selbst-Bewusstsein und Selbst-Achtung voraus! Ohne dieses innerlich stabilisierte Fundament gibt es auf Dauer keine stabile innere Entwicklung! Wer im unbewussten Sumpf des Jammerns, Klagens und Leidens – des andere Anklagens und des Selbstbemitleidens – anhaftet, hängt solange fest, bis er von innen heraus seinen Anteil daran bewusst betrachtet, freundlich annimmt und neugierig zu erforschen beginnt. Erst dann kann er sich vom Leiden bewusst distanzieren und zu lösen beginnen und so wird erst eine von innen her sich entfaltende eigenverantwortliche, selbstbestimmte und mitfühlende Entwicklung möglich!
Erkennen – Akzeptieren – Erforschen – Nicht identifizieren
Diese vier Aspekte der geistigen Achtsamkeitsarbeit nennt man beispielsweise in der buddhistischen Psychologie die Prinzipien der Wandlung:
- Erkennen: Die kleine Bereitwilligkeit aufzubringen, klar anzusehen und zu benennen, was in mir gegenwärtig ist, wie es ist. Ohne etwas wegzulassen oder dazuzufügen.
- Akzeptieren: Nehmen, was gerade ist und wie es ist. Ohne Wenn und Aber, möglichst ohne Widerstand, Abwehr und Ablehnung, und ganz wichtig, ohne sofort etwas verändern zu wollen! Möglichst respektvoll, freundlich und mitfühlend mit mir selbst (wie eine gütige Mutter ihr schreiendes Kind in den Arm nimmt).
- Erforschen: „Tiefer blicken“. Das Problem und seine Zusammenhänge auf den Ebenen der körperlich-sensorischen Empfindungen, der Gefühle / Emotionen und der Gedanken (Vorstellungen, Bilder, Ideen, Standpunkte, Erinnerungen, Glaubenssätze, Wertungen…) freundlich, offen, vorurteilsfrei und neugierig untersuchen. Ohne sich in langwierigen Grübeleien, intellektuellen Theorien, Wertungen, Deutungen und Interpretationen zu verlieren.
- Nicht-Identifizieren: „Loslösung / Auflösung der Anhaftung“. Wir hören auf, das Problem als „Ich“ oder „mein“ zu betrachten, quasi es persönlich zu nehmen und schaffen eine gesunde Distanz. Weil wir erkennen, dass Identifikation zwar vermeintliche Sicherheit, aber eben auch Abhängigkeit, Leid und Unfreiheit erschafft. Dies ist wohl der schwierigste Aspekt der Wandlung und soll an dieser Stelle nicht tiefer erörtert werden. In der Achtsamkeitsarbeit verwenden wir dafür beispielsweise die Formel: „Empfindungen, Gefühle und Gedanken sind wie Wolken am Himmel oder Blätter im Fluss. Sie kommen und ziehen vorüber, mal langsamer, mal schneller. Der Himmel und der Fluss bleiben dabei von Wolken und Blättern unberührt, verändern sich nicht.“ Letzteres soll uns an die ewige, nicht-konditionierbare, unveränderliche Essenz unseres Seins und Wesenskerns erinnern. (Siehe hierzu auch Ein Kurs in Wundern, in dem die Desidentifikation mit den Körper-Ich wie im Buddhismus eine Hauptrolle für die geistige Befreiung spielt.)
Pillen für Selbstliebe und Glück?
Damit könnte man höchstens den Gehirnstoffwechsel manipulieren – nicht den immateriellen GEIST! – und dabei ungeliebte, abgelehnte, nicht akzeptierte Eigenschaften in sich selbst unterdrücken. Parallel verstärkt sich schleichend der Zustand von mangelnder Achtsamkeit, Liebesfähigkeit und Eigenverantwortung. Letztlich führt aus meiner Sicht nichts an einem selbstreflektierten und durch wache Erfahrung durchlebtem Leben vorbei! Und zu einem wachen, durchlebten Leben gehören neben Freude und Glück eben auch das Erfahren, Annehmen und Vergeben von Schmerz, Kummer und Leid.
Waches Durchleben öffnet den Weg zur inneren Freiheit
Der wirklich entscheidende Unterschied zum unachtsamen Durchleben dieser polaren Geisteszustände im Gegensatz zum wachen Durchleben besteht im Erkennen der Wichtigkeit zur freundlichen und beharrlichen „Disziplinierung“ oder Lenkung meiner Gedanken! Beispielsweise durch Ein Kurs in Wundern als intensivem, geistig-meditativem Übungsweg oder einem anderen psychologischen bzw. spirituellen Weg. Hieraus erst erwächst Einflussnahme auf automatisiert ablaufende, unförderliche, leiderzeugende Reaktionsmuster! Und nur so kann echte (Wahl-)Freiheit als innere Kraft entstehen, die dann wiederum in uns mehr Gelassenheit und inneren Frieden gebiert, den wir aus unserem geheilten Geist in die Welt ausdehnen.
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Weiterführende Links:
Grundformen der Angst → Vier Charaktertypen nach Riemann – Teil 1 …über vier verschiedene Arten des In-der-Welt-Seins und Welterlebens.
Infos über → Funktionelle & psychosomatische Störungen …sind Beschwerden auf Körperebene ohne organischen Hintergrund, die seelische Beschwerden oft begleiten.
Zeitlose Spiritualität → Ein Kurs in Wundern Ein Kurs in Wundern® (kurz EKIW®) ist ein einzigartiges, konfessionsfreies und universelles spirituelles Lern- und Lehrsystem zum Selbststudium. Geschrieben in abendländisch-christlicher Sprache, Symbolik und Poesie, entspricht der Kurs inhaltlich jedoch auch den alten Lehren östlicher Weisheit und Non-Dualität.