Einführung in die Psychosomatik (Teil 2 von 2) – Missverständnisse & Begriffsentwirrung: Was ist psychosomatisch, somatoform oder funktionell bedingt?

Dies ist der zweite Teil über Psychosomatik und was psychosomatisch bedingt bedeutet. Hier gehe ich auf Missverständnisse ein und der Frage nach, ob ein organischer Befund eine psychosomatische Erkrankung immer ausschließt. Die Begriffe „Somatoforme Störung“, „Funktionelle Störung“ und „Psychosomatische Störung“ beinhalten vielerlei sich ähnelnde pathologische Körpersymptome. Allen drei Diagnosebegriffen gemeinsam ist, dass Organfunktionen gestört sind. Eine organische „Ursache“ ist mit gängigen und „anerkannten“ naturwissenschaftlichen Untersuchungsverfahren nicht erkennbar oder erklärbar ist.
Erst den ersten Teil lesen: Einführung in die Psychosomatik: Was ist psychosomatisch?
Missverständnis im Begriffsgebrauch Psychosomatik & „psychosomatisch“
Eine wirklich nicht-trennende, ganzheitliche, wohlwollende Psychosomatik wird von medizinischen Materialisten, Kranken-System-Dogmatikern, Pillenverkäufern und technikfixierten Bio-Mechanikern aufgrund ihres einseitigen Welt- und Glaubensbildes noch zu selten angenommen und therapeutisch umgesetzt. So fristet sie heutzutage meist immer noch ein Schattendasein im hintersten Kämmerlein des „industriellen“ Medizinbetriebs.
Mehr über die Hintergründe des heute immer noch die Medizin bestimmende mechanistische Weltbild und deren einseitig rational-analytischer Weltsicht lesen Sie im Artikel: Verlust der Körper-Seele-Einheit in der Medizin
Tragischer Verlust der Körper-Seele-Geist-Einheit im Welt- und Glaubensbild
So begeben sich leidende Menschen allzu oft in die passive Abhängigkeit von Medizinexperten, die den Leib wie ein Automechaniker schon irgendwie richtig einstellen und – symptomatisch – reparieren werden, wenn er Fehlfunktionen hat oder kaputt geht. Die Ebene der Beschwerden legen einem materiell Denkendem ja auch nahe, dass es doch eine rein körperliche Fehlfunktion sein muss, denn sie drückt sich schließlich auf körperlicher Ebene aus. Das Bewusstsein, dass seelisch-geistige (Schatten-)Themen und Prozesse sich – neben der emotionalen und mentalen Bühne – auch auf der Körper-Bühne Ausdruck verschaffen, ist bei manchem (noch) nicht geweckt.
Psychosomatisch? Ich hab doch keinen „Sprung in der Schüssel“!
So gesehen kann es auch von Vorteil sein, den Begriff „psychosomatisch“ zu meiden und eher von funktionellen oder somatoformen Störungen zu sprechen, obwohl es mitunter nachvollziehbare Auslöser bzw. Verstärkungsfaktoren auf seelisch-geistiger Ebene gäbe!
Begriffsentwirrung: Somatoform – Funktionell – Psychosomatisch – Somatopsychisch
In der herkömmlichen Medizin (Allopathie / Schulmedizin) werden die Begriffe „Funktionelle Erkrankung“, „Somatoforme Erkrankung“ und „Psychosomatische Erkrankung“ oder „Somatopsychische Erkrankung“ willkürlich voneinander getrennt. Dies ist meiner Meinung nach verwirrend und nicht zielführend aus Sicht einer auf Ganzheitlichkeit ausgerichteten Medizin.
Denn bei allen vier Diagnosebegriffen sind Körperfunktionen in Unordnung, organische Veränderungen aber in der Regel nicht zu finden. Es lässt sich in den allermeisten Fällen nicht zweifelsfrei klären, was oder wo die letztendliche „Ur-Sache“ ist. Behandelt werden sollte folglich immer der ganze Mensch als Körper-Seele-Geist-Einheit und nicht nur sein isoliertes Symptom, seine schulmedizinische Diagnose oder Körper-Syndrom!
Medizinische Begriffe, die sich sehr ähneln und stark überschneiden
- Funktionelle Erkrankung: Durch Störungen in Funktion oder Regulation von Organen bzw. Organsystemen ausgelöste körperlich auftretende Symptome ohne materiell-strukturell-organisch fassbare Ursache. Ausgeschlossen werden kann hier eine seelisch-geistige Beeinflussung nicht und kann dem Patienten – wie bei der somatoformen Störung – unbewusst sein!
- Somatoforme Erkrankung: Gemeint sind – wie bei der funktionellen Störung – körperlich wahrnehmbare Symptome ohne materiell-strukturell-organisch fassbare Ursache. Häufig findet sich auch eine Übererregbarkeit des vegetativen Nervensystems. Ich persönlich sehe darin eine in den Köper verschobene, vom Patienten unerkannte Bewältigungsform von anhaltendem Stress, Konflikt, Ängsten, Traumata (z.B. Missbrauchserfahrungen) und/oder starker seelischer Empfindsamkeit und Gefühlstiefe! Ein solcher Zusammenhang wird vom Patienten i.d.R. abgelehnt und er verschließt sich meist völlig, wenn der Mediziner dies auch nur anspricht. Sie sind so überzeugt von einer organischen „Ur-Sache“, dass sie häufig alle erstellten Befunde und Laboruntersuchungen, die aus ihrer Sicht nichts ergeben haben, anzweifeln und ignorieren sowie ständig neue körperbezogene Untersuchungen einfordern. Häufiger Wechsel des Mediziners („Therapeuten-Hopping“) ist die Folge!
- Psychosomatische Erkrankung: Bezeichnen eine funktionelle Störung bzw. Fehlregulation von Organen ohne materiell-strukturell-organisch fassbare Ursache, und mit zu vermutenden – dem Patienten unbewussten / teilbewussten – oder deutlich nachvollziehbaren – dem Patienten bewussten – seelisch-geistigen Stress- und Belastungsfaktoren. Diese bringen – meist über Regulationssysteme wie vegetatives Nervensystem – Zellfunktionen aus der geregelten Bahn.
- Somatopsychische Erkrankung: Körperliche bzw. sogenannte funktionelle Störungen können psychische, seelisch-geistige Beschwerden im Gemüt auslösen. Hier scheint der Körper die erste „Ur-Sache“ zu sein, aber ist dies wirklich so oder wurden nur seelisch-geistige Stressfaktoren im Vorlauf nicht bemerkt oder gar verleugnet? Und: Die psychischen Beschwerden wirken wiederum zurück aufs organisch-zelluläre.
Krankheit als „multifaktorielles Geschehen“ braucht „multifaktorielle Herangehensweise“
Krankheit, v.a. chronischer Art, ist praktisch immer ein multifaktorielles Geschehen. Hier spielen viele verschiedene Aspekte von körperlich-materieller sowie seelisch-geistiger Ebene hinein und vermischen und verstärken sich gegenseitig. Behandelt werden sollte natürlich auch immer die in Unordnung geratene Körperfunktion, egal was die vermeintliche Ursache ist oder wie sich die Diagnose nennt! Idealerweise durch nebenwirkungsfreie Heilmittel, durch sanfte Aktivierung der eigenen Regulationsfähigkeit und inneren Selbstheilungskraft, beispielsweise durch TCM, ayurvedische Medizin, Anthroposophie, Klassische Homöopathie und/oder andere ganzheitlich ausgerichtete Verfahren. Rein symptomatische (= symptomverdrängende, -unterdrückende) Mittel sollten nur in Notfällen eingesetzt werden, wenn regulative Heilmittel versagen bzw. wirklich bedrohliche Zustände aufzutreten beginnen. Genau hier liegt ja die Stärke der Schulmedizin!
Weiterhin sind – bei vorhandener Einsicht und Motivation des Patienten – auch eventuelle psychosoziale Stressfaktoren aufzudecken und seelisch-geistige Einflüsse anzusprechen. Auch Stress reduzierende Wege und ordnende Maßnahmen in seiner Lebensführung sowie seelisch-geistigen Hygiene anzuraten und durchzuführen.
Denn was nützt die beste medizinisch-medikamentöse Intervention, wenn ein (unbewusstes oder teilbewusstes) selbstschädigendes geistiges Programm des Erkrankten die gutgemeinte Behandlung durch die Hintertür wieder aushebelt (Stichwort „Krankheitsgewinn“). Und hier geht es nicht um Schuld, sondern um mehr Selbst-Bewusstsein durch Selbst-Erfahrung und mehr Eigenverantwortung! Dies ist ein Erfahrungswert aus meiner Zeit als aktiver Heilpraktiker und Homöopath: Nicht selten kommen medizinisch-medikamentös unterdrückte Lokal-Symptome wieder zurück oder chronifizieren sich, oder erscheinen in anderer Form, an anderer Stelle als eine „neue“ Erkrankung (bzw. Diagnose) auf dem Spielfeld des Körpers. Und der Therapeut soll`s dann wieder richten!
Schließt ein organischer Befund eine psychosomatisch bedingte Erkrankung aus?
Erst wenn die Störung einer Organfunktion länger andauert, sehr stark wird und/oder symptomunterdrückend behandelt wird, kann es auch zur Vertiefung des Krankheitsgeschehens kommen. Zeichen dieser Vertiefung sind beispielsweise chronische Entzündungen, Gewebeveränderungen, teilweiser oder vollständiger Gewebeverlust / Zell- und Organzerstörungen (= Substanzverlust) oder vermehrtes Gewebewachstum / Wucherungen / Tumore / Zysten (= Gewebe- und Substanzzunahme).
Diese organischen Veränderungen an der Gewebe- und Zellstruktur können dann mit den üblichen, ausschließlich auf die materielle Struktur gerichteten Untersuchungsmethoden greifbar gemacht werden. Dann wird beispielsweise eine Entzündung mit beginnender Gewebezerstörung entdeckt, Bakterien für die unangenehmen Symptome verantwortlich gemacht, als „Ur-Sache“ definiert und beispielsweise ein Antibiotika dagegen verordnet.
Doch letztlich ist dies ein völlig willkürlicher Vorgang und ein weiteres Hinterfragen unterbleibt in der Regel. Was hat denn die Entzündung tatsächlich aktiviert? Was hat das innere Milieu so verändert, dass z.B. Mikroben die Chance hatten, in den Organismus zu gelangen oder wenn sie eh schon dort latent vorhanden sind, sich zu vermehren bzw. aktiver zu werden und Symptome zu erzeugen? Das in praktisch jedem von uns „wohnende“ Herpesvirus ist hier ein gutes Beispiel, wobei beileibe nicht jeder deswegen Symptome zeigt (→ Infos zu Lippenherpes).
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Zum Folgeartikel Symptome funktioneller, psychosomatischer Störungen
Zum Folgeartikel Ursachen/Auslöser funktioneller, psychosomatischer Störungen
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