Was heißt psychosomatisch und was bedeutet Psychosomatik? – Eine Einführung (Teil 1 von 2)

Psychosomatisch bedingt und Psychosomatik sind häufig missverstandene Begriffe, weil sie nicht wirklich klar zu definieren sind und viele gleich an psychische Störungen denken. „Ich finde nichts, Ihre Beschwerden sind wohl psychisch bedingt. Bewegen Sie sich mehr, essen sie gesünder und suchen Sie einen Psychologen auf!“ So oder ähnlich werden nicht wenige Leidende aus der Praxis entlassen und meist beginnt eine Therapeuten-Odyssee.
Psychosomatische Medizin ist ein – aktuell leider nur sehr kleiner – Bereich innerhalb der in viele Fragmente zersplitterten Medizin, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen Körper, sozialem Umfeld, Stressfaktoren und der Seelen-Geist-Ebene beschäftigt. Und da Wechselwirkungen nicht nur in eine Richtung gehen, könnte man die Psychosomatik auch Somatopsychik oder Somatopsychologie nennen. Denn fast jeder hat es schon erlebt, dass nicht nur seelisch-geistige Befindlichkeiten aufs Körperliche einwirken, sondern auch umgekehrt körperliche bzw. sogenannte funktionelle Störungen psychische Beschwerden im Gemüt auslösen können! Wenn ich also im Artikel den Begriff Psychosomatik verwende, meine ich vereinfachend immer beides als Einheit!
Psychosomatische Störungen oder psychosomatische Erkrankungen bezeichnen funktionelle Störungen = Funktionsstörungen bzw. Fehlregulationen von Organen oder Organsystemen. Und dies ohne klaren organisch-materiell-strukturell greifbaren Befund und mit zu vermutenden oder deutlich nachvollziehbaren seelisch-geistigen Stressfaktoren. Diese Stressfaktoren können allerdings dem Leidenden unbewusst sein und schon kann kein Bezug mehr dazu hergestellt werden. Dazu weiter unten mehr…
Im 2. Teil des Artikels findet sich noch eine ausführlichere Begriffsentwirrung zu den Begriffen „funktionell, somatoform, psychosomatisch und somatopsychisch“. Außerdem gehe ich der Frage nach, ob ein organischer Befund eine psychosomatisch bedingte Störung ausschließt.
Psychosomatik & psychosomatisch – Wortherkunft
Hierin drückt sich alles aus, was eine ganzheitlich wirkende Medizin aus meiner Sicht eigentlich sein sollte: Psychosomatik und Somatopsychologie als medizinischer Standard, als heilerische Normalität, als allgemeingültiger Zugang zum erkrankten Menschen als geistig-seelisch-sozial-körperliche Einheit! Der Körper ist hier der Spiegel des Seelisch-Geistigen. Und die Zeichen und Signale des Körperlich-Organischen, Emotionalen und Mentalen sind deren aufs engste miteinander verwobene Ausdrucksfläche, Projektionsebene oder „Spielbühne“. Im Angenehmen wie im Unangenehmen!
Somit ist eine klare Trennung zwischen rein körperlichen, rein psycho-sozialen oder rein psychosomatischen Beschwerden objektiv, theoretisch wie empirisch nicht sinnvoll und auch nicht wirklich möglich, auch wenn es unser einsortierender und urteilender Intellekt noch gerne so hätte. Denn krank ist immer der ganze Mensch im Kontext des Leiblichen, des psycho-sozialen Umfelds und seines Welt- und Glaubenssystems!
Was bedeutet Psychosomatik kurz und bündig?
Symptome als sichtbare Signale des Unsichtbaren – Sinnhaft, Wegweiser und kein Gegner oder Feind!
[Christian Morgenstern]
Im Falle des Wohlbefindens laufen diese Informations- und Regulationsprozesse, autonom, unbemerkt und symptomlos im Hintergrund ab. Im Falle einer Störung bzw. Krankheit zeigen unangenehme Symptome als vordergründige Signalgeber die Unstimmigkeit dieser hintergründigen Regulationen an. Das Symptom ist hierbei kein Gegner, den es zu vernichten gilt, sondern Anzeiger einer inneren Schieflage.
Das Symptom in der Psychosomatik – Die Spitze des Eisbergs
Psychosomatik: Körper, Welt, Gefühl & Geist – Ein durchlässiges, dynamisch-fließendes „Verbund-System“
Psychosomatik im alltäglichen Sprachgebrauch
Schon im Alten Testament sind Hinweise auf eine psychosomatische Sichtweise zu finden. Im Buch Salomo (Sprüche 17,22; Lutherbibel 2017) findet sich u.a. folgender Ausspruch: „Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl; aber ein betrübtes Gemüt lässt das Gebein verdorren.“ Psychosomatik und psychosomatische Sichtweise sind folglich nicht wirklich eine Erfindung der modernen Medizin!
Blass vor Schreck … Rot vor Zorn oder Scham … Angst sitzt im Nacken … sich vor Angst in die Hose machen … flau im Magen vor Angst … etwas liegt mir schwer im Magen … gelähmt oder gar wahnsinnig vor Angst oder Schreck … den Ärger runterschlucken … etwas in sich hineinfressen … was kränkt, macht krank … vor Wut platzen … die Nase voll haben … mir bleibt die Spucke weg … da blieb mir die Luft weg … das Herz hüpft vor Freude … so einen Hals kriegen … es bricht mir das Herz … sich etwas zu Herzen nehmen … das geht mir an die Nieren oder an die Nerven … da kommt mir die Galle hoch … da ist mir eine Laus über die Leber gelaufen … außer sich sein … der Verlust schmerzt mich sehr … über den Verlust komm ich nicht hinweg … kalte Füße kriegen … ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut … das geht mir unter die Haut … es ist zum aus der Haut fahren … der Kloß im Hals … etwas bereitet mir Kopfzerbrechen oder Magenschmerzen … der Schreck fährt einem in die Glieder … ein Indianer kennt keinen Schmerz … da zog es mir den Boden unter den Füßen weg …
Was prägt uns? – Körperliche Empfindung, Gefühl, Deutung, Urteil, Wahrnehmung…
Spürbare Empfindungen, innere Gefühle und ausgedrückte Emotionen sowie gedankliche Deutungen, Wertungen und Beurteilungen von „Wahr-Genommenem“ sowie unsere Identifikationen damit prägen uns als ganzen Menschen, prägen unser Welt- und Glaubensbild!
Kurz gesagt: Seelisch-geistige Wahr-Nehmung prägt unseren Körper und seine autonomen Funktionen weit mehr und umfassender als wir uns dies vorstellen könnten! Und umgekehrt: Verstimmte Körperfunktionen wirken sich über deren Verflechtung mit den Regulationssystemen wiederum auf unser seelisch-geistiges Allgemeinbefinden aus und verändern gefühlsmäßige Gestimmtheit, mentale Prozesse, Denken und Wahrnehmung.
Was ist eine psychosomatische Störung bzw. Erkrankung?
Nach gängiger medizinischer Ansicht ist eine psychosomatische Erkrankung…
- …eine am/im Körper wahrnehmbare Funktionsstörung
- …ohne bzw. mit unzureichender materiell-organisch-medizinischer Erklärung
- …und ein seelisch-geistiger bzw. psychosozialer, stressbedingter Hintergrund wird vermutet oder liegt auf der Hand
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Es ist also nach diversen Untersuchungen der Organe und Gewebe keine organ- bzw. gewebsmäßige krankhafte Veränderung erkennbar und keine (direkte) materielle Ursache auffindbar. Der Patient gilt daher als organisch „gesund“ und „ohne Befund“. Dabei gelten heute laut schulmedizinischer Ansicht – aufgrund der allzu materiellen Fixierung – nur sehr wenige Diagnosen („Krankheits-Etiketten“) im engeren Sinne als „psychosomatisch anerkannte“ Erkrankungen. Dies sind beispielsweise…
Klassische psychosomatische Störungen
- Essstörungen (Bulimie / Ess-Brechsucht, Anorexia nervosa / Magersucht)
- Posttraumatische Belastungsstörungen (körperliche Funktionsstörungen nach Schock, Trauma)
- Angststörungen / Phobien / Panikattacke
- Stressbedingte Störungen wie Burnout-Syndrom, Erschöpfungs-Syndrom / chronische Erschöpfung, Fatigue-Syndrom
- Hypochondrie (gedankliche Fixierung, an einer bestimmten Erkrankung zu leiden)
- Anpassungsstörungen, (selbstzerstörerische) Süchte, Zwänge, Depressionen, Angstzustände, Borderline usw.
Bei vielen anderen Erkrankungen wird üblicherweise ein psychosomatischer Hintergrund in der Regel abgelehnt. Dies widerspricht allerdings den Erfahrungen vieler im Bereich Medizin, Psychologie und Spiritualität tätigen Praktiker und so landen viele Leidende in anderen Krankheits-Klassifizierungskategorien wie beispielsweise „“ oder „Funktionelle Störung“.
Und das soll alles sein?
Dabei haben fast alle „körperlichen“ Beschwerden bzw. Erkrankungen mindestens einen begleitenden auslösenden oder verstärkenden funktionell-psychosomatischen Hintergrund, oftmals getriggert über die hormonelle und vegetative „Stress-Achse“. Dazu zählen beispielsweise…
- Funktionelle Herzbeschwerden wie Herzneurosen / Herzrasen / Herzstolpern…
- Kopfschmerzen, Tinnitus (Ohrgeräusche), Schwindel, Juckreiz, Neurodermitis…
- Schmerzhafte Muskelverspannungen (Kopf-, Nacken-, Rückenschmerz und deren Folgesymptome), chronische Schmerzzustände / Fibromyalgie, „Rheuma“…
- Bauchschmerzen (v.a. bei Kindern!), Verdauungsstörungen (Vegetativum!), Magengeschwüre, Reizdarm, Colitis ulzerosa (chron. Enddarm- bzw. Dickdarmentzündung)…
- Häufiger Harndrang (Vegetativum!) und vieles mehr…
Und wer die Arbeiten beispielsweise von Dr. Rüdiger Dahlke kennt („Krankheit als Weg“ & „Krankheit als Sprache der Seele“), bekommt einen noch viel breiteren Blick auf Krankheitsgeschehen, auch wenn manche Deutungen von ihm mir persönlich etwas zu weit hergeholt erscheinen!
Anhaltende innere Unruhe, Unfrieden, Überlastung, Stress, Konflikte, Ärger… ⇒ Psychosomatisches, regulatives & vegetatives Durcheinander
Zum 2. Teil dieses Artikels Psychosomatische Missverständnisse & Begriffsentwirrung
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Zum Folgeartikel Symptome funktioneller, psychosomatischer Störungen
Zum Folgeartikel Ursachen/Auslöser funktioneller, psychosomatischer Störungen
Sg. Hr. Wolf! Da ich jahrzehntelang mit schweren körperlichen Beschwerden zu tun habe und so vieles unternommen habe, ist mir heute Ihr Artikel in die Hände gefallen – und ich bin begeistert. Hab eine ganze „Biblothek“ an spirituellen Lebensbücher gelesen und immer wieder weiter und weiter gelernt! Falls Sie für mich, die nach wie vor an sehr starken Verdauungsbeschwerden, Mastarmproblemen, Polioerkrankung als Kind sowie Ängsten versch. Art einen Hinweis für eine Behandlungsmethode für mich haben, bin ich dankbar! Alles Liebe Elisabeth S.
Hallo Elisabeth!
Freut mich, dass Ihnen mein Artikel gefällt. Vielleicht ist die Klassische Homöopathie in Kombination mit einer psychologischen Lebensberatung etwas für Sie? Suchen Sie sich doch in Ihrer näheren Umgebung einen Klassischen Homöopathen oder eine Klassische Homöopathin.
LG